DAS ERFOLGREICHSTE CORVETTE BLOG EUROPAS

Die Corvette, die gerne eine Reisschüssel wäre

2014_Corvette_&_Nissan_GT-R
Der Tag danach, die Vorstellung der neuen Corvette Stingray liegt hinter uns und noch nie hat eine neue Corvette das Fanlager derart polarisiert. Einige wenige übergoßen das Machwerk mit Superlativen – wohl mit kommerziellen Absichten im Hinterkopf. Die Mehrzahl bewertete die Gesehene eher zurückhaltend oder eben mit offener Abneigung. Zu letzterer Gruppe zähle ich. Und das will ich gerne im Detail begründen.


Was Mr. President Mark Reuss mit Elan und Begeisterung da als „Worldbeater“ anpreiste, ist die Ausgeburt eines typischen Konzernkommitté-Entscheidungsprozederes. Selbst Design-Studenten (so einer war ich auch mal) schütteln fassunglos den Kopf bei derart vielen Formfehlern, die an dieser Karosserie verbrochen wurden. Und warum? Nun, es drängt sich der Verdacht auf, dass da zu viele Köche im Brei herum gepfuscht haben.

Und so könnte das Unglück seinen Lauf genommen haben: Die Design-Abteilung zeigt einen Entwurf her, der eine Evolution der C6 ist. Die GM-Marktstrategen drängen daraufhin dazu, dass man den Geschmacksnerv der Nissan GT-R-Käufer finden müsse. Also langgezogene Scheinwerfer, bullig kantiges Heck und – statt der seit der 1979er C3 notorischen Glaskuppel – eine auslaufende Dachpartie mit langgestreckter C-Säule und ein an sich unnützes Fenster hinter der B-Säule.

1972_datsun_Z240_y+Nissan_GT-R
Fangen wir mit der Grundidee an: Breites Maul in der Schnauze, lange Motorhaube, längliche Scheinwerfer, hintere Seitenscheibe, Heckklappe bis zur Abrißkante, yep, das beschreibt den Datsun Z240, der Anfang der siebziger Jahre in den Staaten die preiswerte – und daher absatzmäßig erfolgreichere – Alternative zur Corvette C3 war. Der Import-Renner, der in den USA heuer populär aber auch auf den wichtigen fernöstlichen Märkten GM aktuell Sorgen macht, ist der Nissan GT-R. Es lag also nahe, Erkennungmerkmale auch von diesem Verkaufsschlager einzubinden, etwa die langgezogene Scheinwerfereinheit und das klobige Heck.

Warum das Resultat mir – und vielen anderen – nicht gefällt? Jedes Fahrzeug hat einen Linienverlauf entlang seiner Karosserie, die bei gelungenen Designs mit einer Lichtbrechungskante (sogenannte „A line“) visualisiert wird. Bei Sportwagen hat sich eine gewisse Keilform eingebürgert. Naja, nicht beim „Elfer“, der sieht nach all den Jahrzehnten noch immer so aus, als würde er rückwärts fahren. Aber bei modernen Designs ist das die Norm.

2013-SRT-Viper-side2014_Corvette_Stingray_cues_r2004-TVR-Sagaris-S
Hat das Auto aber eine enorm lange Motorhaube, wie bei der neuen Viper oder den TVR, dann ist die nicht nur die „Axis-To-Dash Ratio“, also der Winkel der Windschutscheiben-Neigung zum Vorderrad, kritisch. Es braucht klare, geschwungenen Linien, um der Frontpartie eine möglichst organische Form zu verleihen. Und die seitlichen Entlüftungsschlitz werden möglichst weit Richtung A-Säule gelegt, um mehr Volumen zwischen Vorderrad und Tür zu suggerieren. Meist werden solche „Gills“ – oder gebräuchlicher „Vents“ – in einer Beziehung zur „Axis-To-Dash-Ratio“, der A-Säule oder zumindest dem Radhaus angelegt,

Was aber macht Ed’s Haufen? Sie gestalten den Schwung der „Beltline“ (von Motorhaube weiter zur Unterkante der Seitenfenster) so, dass das Auto aussieht, als ob es an der A-Säule einknicke. Verschlimmert wird der optische Eindruck durch Größe und Winkel dieser WUNDE, die man mit einer riesigen Axt in den vorderen Kotflügel gehauen hat. So sieht das Ergebnis jedenfalls aus. Diese verunglückte „Vents“ schneiden zudem in den erweiterten Radius des Radausschnitts. Sehr ungeschickt, sieht wie eine Sollbruchstelle aus.

2014_Corvette_Stingray_cues
Dazu kommt diese katastrophale Heckpartie. Die Mehrzahl de Corvette-Fans wehklagen über die Verwendung vom Camaro entlehnten Rückleuchten. Aus ästhetischer Sicht ist der Stilbruch aber noch eklatanter, als es der Laie erahnt. Jeder Autodesigner wird mit möglichst vielen horizontalen Linien arbeiten, um das Auto breiter wirken zu lassen. Was machen Ed und die Zerklüfter-Gang? Sie bauen ganz viele horizontale Linien als Verlängerung der „Shoulderline“ (früher Dachkante) ein, so dass das C7-Heck aussieht wie jenes eines Stadtbusses.

Wird sich die Corvette Stingray dennoch gut verkaufen? Klar! Der unmoralische Verdrängungswettbewerb von Chevrolet gegen die GM-Schwester Opel, der hier in Deutschland über lang oder kurz den Haushaltsplan des Bundes mit Tausenden arbeitslosen Autobauern weiter belasten wird, hält Bundesbürger ja auch nicht davon ab trotzdem den koreanischen Billigkram von GM zu kaufen. Der Dumpingpreis der Stingray (man spricht von 51.000 US-Dollar) wird es schon richten.

2014_Corvette_Stingray_top
Ist also die neue Corvette Stingray eine komplette Fehlentwicklung? Das kann man so sicher nicht behaupten. Optisch überzeugt sie immerhin aus der Vogelperspektive von vorn. Wer also auf einere Autobahnbrücke lang genug auf eine Stingray wartet, wird sich unweigerlich in sie verlieben…

Außerdem behauptet Chefingenieur Tadge Juechter ja, das Auto sei leichtfüßiger, wendiger und insgesamt – nicht nur im erheblich verringerten Spritverbrauch – eine wesentliche Steigerung. Also innere Werte. Doch welcher Kerl gibt Frauen an der Bar einen Drink wegen ihrer inneren Werte aus…? Im Gegenteil: Je billiger, umso besser. Insofern wird die Corvette Stingray ganz sicher ihre Abnehmer finden. Je billiger, umso eher.

2014_Corvette_&_Concept
Resumé: Der Corvette wird in ihrer siebten Generation nicht ein epochemachendes, unverkennbares Äußeres verliehen, etwa an das spektakuläre Sidewinder Concept Car für den Transformers 2-Film angelehnt, sondern zu einer Reisschüssel verformt und zum Ramschpreis als Massenware feilgeboten. Um die Corvette-Liebhaber zu besänftigen, bekam dieser Pseudo-Reisrenner wenigstens einen legendären Beinamen verpaßt: Stingray. Das klingt doch toll, oder? Dazu noch ein Opel Manta-Rochenemblem auf die Flanke und ab dafür.

Bei GM schämt sich keiner auch nur im Ansatz für dieses Verbrechen an einer Legende. Man macht auf unbändige Begeisterung. „And the Oscar goes to…“

Tja, wir leben in einer Zeit, in der – trotz zweier Weltwirtschaftskrisen – noch immer nur Zahlen interessieren. Obwohl getürkte Zahlen uns alle jedesmal aufs Neue in den Mist reiten. Insofern ist guter Geschmack und Ästhetikenpfinden ohnehin zweitrangig gewordem. „Geiz ist geil“ prägt den Zeitgeist, „Guter Geschmack ist geil“ hat da eben keine Chance…

Advertisements

2 Antworten

  1. saxer michael

    Was für ein smart-ass!

    16. Januar 2013 um 08:44

    • MAB

      Damit kann ich gut leben. Wer sinnig argumentiert ist nun einmal smart. Bemerkenswert ist, wie manch einer einen durchformulierten Beitrag mit dem wahllosen Umsichwerfen von Prädikaten auf seine eigene, einfach strukturierte kleingeistige Art bewertet. Das Synonym für einen solch einsilbigen, argumentfreien Zeit- (und auch Eid-)genossen lautet übrigens in US-Englisch… „dumb-ass“ !

      16. Januar 2013 um 16:00

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s